Archiv Seite 3

Lichtbilder – Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“

„Man tötet immer das, was man liebt“ So heißt es in Fight Club. Und Tarantino, der Film mehr als alles andere liebt und uns seit vielen Jahren an dieser Liebe Teil haben läßt, dieser Fetischist des Kinos, brennt ein Kino nieder, läßt eine Unmenge an Film in Rauch und Flammen aufgehen. Unwiederbringlich.
Darum geht es in Inglorious Basterds. Um Kino, um Film, ums Sehen.
Von Anfang an geht es um den Schein. Hans Landa pocht auf seinen Spitznahmen, den „Judenjäger“, der dem leutseligen fast zarten Mann als Schreckensmaske voranschreitet. Er zerrt die Verborgenen aus dem unsichtbaren doppelten Boden ans Licht. Er hat sie gesehen, die Nichtsichtbaren.
Es geht ums Sehen. Was siehst du, was nicht da ist. Im Spitznamen manifestiert sich, wie wir gesehen werden. Und das nicht als das, was wir sind.
„Bärenjude“, der seine Opfer mit einem Prügel erschlägt, Donnie, der Virtuose des Baseballschlägers. Im Spitznamen verbirgt sich eine andere Figur als die, die seine Kameraden sehen. Wir sehen einen Hühnen aus dem Tunnel treten, der sich gewalttig donnernd ankündigt und ans Licht tritt ein sehniger, kleiner Mann. Der nicht weniger tötlich ist. Wir meinen, wir werden einen Bären sehen, sehen einen Sportler und erleben eine Tat, die Sport-Spott-Mord ist.
Auf der Leinwand sehen wir einen anderen, als wir sind. Frederik sieht sich selbst als Held. Frederik ist ein erfolgreicher Scharfschütze. Auf der Leinwand jedoch kann er es nicht ertragen, sich zu sehen. Da sieht er den Mörder, den Shoshanna in ihm sieht. Shoshanna aber sieht in diesem Moment den sensiblen jungen Mann, den Helden auf der Leinwand. Hierbei ist es völlig belanglos, was die Tatsachen sind. Es geht nicht um Grausamkeit, Greuel und Betroffenheit. Da hätten die Nazislayermovies herkömmlicher Machart völlig ausgereicht, um ein paar Schablonen möglichst blutig hinzurichten. Der prominente Nazi, der dem Kader das Gesicht gibt, ist Goebbels. Derjenige, der das Kino liebt. Nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern auch aus Liebe zum Film. Für die Bilder von Krieg und Gewalt hätten sich andere Namen finden lassen.
Die Bilder der Gewalt und des Todes, die wir sehen, die haben wir alle schon gesehen. In unzähligen Filmen, in Kino und Flimmerkiste, schwarzweiß und technicolor. Und Tarantino stellt sie aus in ihrer Macht, Größe, Schönheit. Ihrem kathartischen Schrecken.
Wie schön die Bilder sind, die Tarantino findet! Jedes dieser Bilder ist Referenz. Eine Verbeugung vor den Meistern des Lichts, den großen Regiseeuren und Kameramännern. Liebende Verehrung. Kein bloßes Picturedropping, sondern Sammlung in der Kathedrale des Lichts vor den Heiligen der Ecclesia Cineastica.
Bilder, die wir kennen und die in dieser Schönheit und Verehrung ungesehen waren.
Es geht um die Doppeltheit des Sehens. Und daß das, was wir sehen und hören, nie das ist, was wir sehen. Bilder und Töne aus Licht werden in wunderbarer Wandlung Welt. Und wenn wir im letzten Akt Shoshanna, die im Hintergrund bereits tote Shoshanna lebendig auf dem Rauch verbrennender Filme sehen, dann sehen wir eine Rachegöttin aus Licht.
Im letzten Akt verdichtet sich das Kinosein und wird sichtbar. Grade im Moment seiner völligen Auflösung.
Ob Tarantino sich so vom Film und seiner Materialität verabschiedet hat, werden wir erst im nächsten Projekt erfahren. Möglich, dass er sich dem immateriellen, digitalen Film mit der gleichen Kunstfertigkeit zuwendet, wie dem Film, der ganz seinem Material und seinem Ort verhaftet war. Das Lichtspielhaus ist aufgegangen in Rauch und Feuer, in Luft und Licht, in Bits und Bytes.

Aphorismus der Woche IV

Das Internet ist der einzige Ort, an den wir von überall her nach Hause kommen können.

Der Terror ist nackt

Ein Thema beherrscht die öffentliche Diskussion zur Zeit. Man könnte es als Ablenkungsmanöver vom gesamtpolitischen Versagen betrachten oder als Deckung, die das Bundesministerium des Innern hochzieht, um daraus seine nächste Attacke in Richtung Bürgerrechte zu führen. Doch dafür taugt das Thema nicht.
Es geht um die Einschränkung der Freiheitsrechte vieler, vielleicht sogar aller, die im urbanen Raum leben. Das Recht auf die freie Wahl des Aufenthalts im öffentlichen Raum. Waren früher nur junge Frauen angehalten, den dunklen Stadtpark zu meiden, so weitet sich diese – durchaus begründete – Vorsicht, auf alle Menschen aus. Alte Damen, gestandene Männer, junge Leute, sie alle fürchten sich inmitten der Stadt, in der sie leben. Mit den Adern städtischen Lebens ist die Angst in alle Stadtteile gereist.
Und da ist es kein Trost, dass sich um einige wenige Täter handelt. Es spielt keine Rolle, dass auf den meisten Fahrten mit der S-Bahn nichts passiert. Denn was den einzelnen erwartet, ist so drastisch, dass es das Innerste ergreift. Es ist Terror. Eine Minderheit der Bevölkerung hat es geschafft, uns in Angst uns Schrecken zu versetzen. Augenscheinlich haben wir keine Möglichkeit auszuweichen. Es gibt keine Möglichkeit, sich deeskalierend zu verhalten. Und auch der Mut, das Mitleid, die Hilfsbereitschaft, Fäden und Pfeiler unserer Zivilisation weichen hinter die Angst um die eigene Unversehrtheit zurück. Seht mich an, aus welch verborgenen Raum ich es nur wage, das Wort zu erheben!
Der Terror ist nackt. Er bedarf keiner Ideologie mehr. So frappant die Attacken an die marodierenden Straßenkämpfer der „Weimarer Republik“ erinnern mögen, sie bedürfen nicht länger Farben. Der Terror entblößt etwas vorzivilisatorisch-tierhaftes im Menschen. Wir sehen Menschen, denen nichts Kultürliches mehr anhaftet. Wilder als Wölfe.
Sind es noch Menschen? Ist ein Mensch, an dem niemals das Gerank der Zivilisation gewachsen ist, ein Mensch? Zweifelsohne der Spezies zugehörig, aber in ihrem Verhalten so fremd, so unverstehbar. Eine Naturgewalt.
Wir haben Flüsse gezähmt, Berge versetzt und nun trifft uns aus unserer Mitte heraus ein Erdbeben. Ein Sturm tobt und treibt uns in unsere Häuser, hinter unsere Mauern. Hinaus aus dem Raum, den die Zivilisation uns erschlossen hat. Die Stadt ist uns zum dunklen Wald geworden, in dessen Schatten der Böse Wolf lauert.

Offline

So abhängig von der Technik. Von nichts anderem beim Sprechen so abhängig. So viel gesagt und nichts davon steht hier. Einige Wochen war ich unerhört tätig. Hier jedoch war es still. Als ob ich verstummt wäre. Dabei war ich lediglich woanders.
Offline.

Regelhaft

Unpolitisch wollte ich sein. Hier an dieser Stelle den sachlichen Zwilling der Kurzgeschichte, den Essay pflegen. Ich wollte grade nicht zur Tagespolitik meine Stimme hinzubölken. In dieser Halböffentlichkeit so flüchtig und ungehört wie morgen schon ungültig, überdacht, überholt.
Doch dann müsste ich Auge und Ohr versiegeln. Schlagzeilen verbieten Fäden zu spinnen zwischen Ideen und längst gekeimten Gedanken.
Ampel für Lebensmittel? Verkaufsverbot für Alkohol in der Nacht? Verbot von Computerspielen?
Wir haben es nicht geschafft, wir dummen kleinen Bürger Deutschlands. Wir haben es nicht geschafft eine Gesellschaft zu bilden, die uns Freiheit garantiert und gleichzeitig als Gesellschaft funktioniert.
Wir fordern Sanktionen wann immer etwas geschieht, was aus dem gleichförmigen Trott gesitteten Verhaltens ausbricht. Wir schaffen es nicht, gemeinsam auf engem und engstem Raum zu leben und gleichzeitig individuell frei zu sein. Wann immer wir uns auf Freiheit berufen, fordern wir lediglich unser Recht, andere kränken, verletzten, treten und beißen zu dürfen. Wann immer wir uns auf Regeln berufen, meinen wir Gesetzte, die man uns überstülpen soll.
Wir können uns nicht mehr vorstellen, dass informelle Regeln eine positive, bindende Kraft entfalten. Dabei kennen wir ihre negativen Auswirkungen nur zu gut. Verlernt haben wir die Kunst, uns nicht unbedingt vernünftig, sondern human zu verhalten.
Gemeint ist nicht die Humanität, die Adorno, die Kant vorschwebten. Weder Empfindsamkeit noch Vernunft gehören wohl zum Urzustand des Menschen. Aber Gesellschaft gehört wohl unbestreitbar zum Menschen.
Seit Anbeginn unserer Existenz ein Rudeltier. Mit Regeln im Tausch gegen Einsamkeit. Informell und funktional. Gesetzte mögen die Symptome bekämpfen. Aspirin gegen den Krebs mehr und mehr zu verlernen, uns unmittelbar miteinander verantwortlich zu verhalten. Es ist ein Armutszeugnis, unser Geschrei nach dem Staat. Als hätten wir es nicht geschafft, eine Gesellschaft zu bilden schreien wir nach explizierter Zivilisation, vor jeder Entscheidung wirksam geschützt. Wir haben es vielleicht wirklich nicht geschafft, die Gesellschaft zu bilden, die wir uns wünschen. Oder wünschen wir uns eine ganz andere?