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Aphorismus der Woche V

Der Märtyrertod zeichnet die Religion aus. Im Burn Out hat der Kapitalismus sein Weißes Martyrium gefunden.

Ausgewachsen

Sie hat begonnen, die undankbare Aufgabe, den Abstieg zu organisieren. Eine Epoche abzuwickeln. Wir können nicht alle an Aufstieg und Blüte beteiligt sein. Irgendwann hat es sich einfach ausgewachsen, irgendwann beginnt mit langsamem Schrittchen für Schrittchen der Abstieg. Mühsam, undankbar, langwierig. Irgendwann sind Ideen zuende gebracht. Es kann nicht immer Gipfel sein. Irgendwann ist die Katastrophe passiert. Es gilt den letzten Akt zu verwalten. Aus dem Abstieg keinen Absturz werden zu lassen. Mit Sicherheit wird es neue Blütezeiten geben. Nur werden wir nicht dabei sein. Alles nicht so schlimm. Nur hört auf, von Wachstum zu schwadronieren. Es hat sich ausgewachsen. Wie gesagt: Halb so schlimm, nichts wächst ewig. Und ein Baum kann grünen, auch wenn er seine letztgültige Höhe erreicht hat. Sofern man nicht die Axt an ihn legt.

Der Preis des Geldes

Über Geld wird im Augenblick aller Orten gesprochen. Von unvorstellbar hohen Summen ist die Rede. Versprochen, verloren, verschwunden im Nichts und nirgendwo. Von Einkommen, die ein einzelner Mensch im Leben niemals brauchen kann. Und von Einkommen die niemals zum im Leben reichen werden.
Geld erweist sich zunehmend als untauglicher Träger für Anerkennung, Glück und Tauglichkeit. Ja selbst für Erfolg ist es kein Zeichen mehr, denn erfolglose erhalten Summen, die erfolgreiche niemals sehen werden.
Viele notwendige Arbeit ist überhaupt nicht rentabel zu leisten: Pflegen, heilen, lehren gehören zu den offensichtlichen. Ein Schule ist nicht rentabel zu führen, auch ein Altenheim oder ein Krankenhaus scheitern regelmäßig an diesen Kriterien. Und allein das Verfehlen monetär gemessener Renditeziele als Scheitern zu bezeichnen zeigt die Untauglichkeit des Geldes, Arbeit zu messen, deren Angemessenheit und Notwendigkeit unmittelbar einleuchtet. Arbeit deren Erfolg gänzlich immateriell bleiben muss.
Der Markt regelt nichts. Der Markt ermittelt den Preis, doch nicht den Wert. Keine neue Erkenntnis, doch Altes muss nicht unwahr sein. Und wenn ich das Auf und Ab von Aktienkursen sehe, die den Preis eines Unternehmens beziffern, dann sehe ich diese Diskrepanz. Ich sehe den Kapitalmarktpreis eines Unternehmens weit unter die Summe seiner Bestandteile sinken – Gebaüde, Grundstücke, Möbel, Büromaterial, ganz zuschweigen von dem nicht ganz leicht umzurechnenden Geldwert der Mitarbeiter, den gesellschaftlichen Wert jedes Einzelnen, der nur wirken kann, weil die Teilhabe an diesem Unternehmen ihn den Raum dazu verschafft – und weiß, dieser Preis sagt nichts über den Wert aus. Machen wir also das Geld wieder zu dem, was es gewesen ist: Ein Medium, ein Träger für Zeit und Waren. Nehmen wir ihm den Selbstzweck und machen wir unsere Türme wieder zu Banken und nicht zu Sakralbauten. Der IWF ist nicht die Heilige Inquisition und die Kräfte des Marktes kein göttliches Wirken. Machen wir uns den Merkt wieder Untertan, den er ist unser Geschöpf. Wir haben ein Monster geschaffen? Es ist unser Monster.

Kleinbürgerstolz

In meiner Küche gehe ich einer längst vergangenen Kunst nach. Ich poliere Silber. Ein Vorlegebesteck mit Buttermesser, Aufschnittspießchen, Sahnelöffel. Gegenstände einer Vergangenheit, so weit entfernt wie die Goethezeit, keinesfalls antik, wahrscheinlich nicht wertvoll. Ob es meine Großmutter zur Hochzeit bekam? Oder deren Eltern? Oder ist es vielleicht auf dem langen Weg nach Westen zwischen Wintermänteln und Federbetten mitgeschleppt worden? Niemand mehr, den ich fragen könnte.
Es ist kein ganzes Tafelbesteck, nur ein paar Stücke, die man eigentlich kaum benutzt. Ein Tortenheber, die Zuckerzange vielleicht öfter. Aber wann legt man noch ein Buttermesser auf? Das Besteck ist so lange nicht benutzt, schwarz und grünlich angelaufen, fleckig und in der Schublade. Ich werde Stunden brauchen. Hausfrauenmeditation.
Endlose kleine Blüten und Ranken, in denen sich das Oxid hartnäckig hält. Keine Kraft hilf hier, nur unermüdlich einen Tropfen Silberpolitur auf das Tuch, mit der Fingerspitze fixieren, den Löffelstiel polieren bis das Tuch tiefschwarz ist, eine neue Stelle suchen, einen Tropfen Silberpolitur auf das Tuch geben, mit der Fingerspitze… Meditation.
Langsam kommt die Farbe des Silbers zum Vorschein. Es ist so ganz anders, als Edelstahl, als Cromagan. Ganz anders als man es sich vorstellt als Nachgeborene, die man Silber nur kennt als „Silber metallic“, als „Silberpapier“. Eine warme, edle Farbe kommt zum Vorschein. Weich und wunderschön. Plötzlich begreife ich diese Mühe, den Stolz mit dem dieser kleine Schatz in der Schublade gelegt wurde. Für’s Gute. Kein Tafelbesteck für zwölf Personen, lediglich ein Accessoire. Zu mehr hat es nicht gereicht. Kleinbürgerstolz, denke ich ohne Ironie, ohne Spott. Gestaltgeworden der Wirtschaftswunderwunsch, den Kindern solle es besser gehen. Die Kinder werden das Tafelbesteck zur Hochzeit haben, wenigstens das Kaffeebesteck. Dazu kam es nicht. Silberbesteck ist aus der Mode. Ein Kropf und Angeberei und unpraktisch obendrein.
Die Mittelschicht stirbt nicht aus. Mit nimmermüder Geduld machen sich jeden Tag kleiner Leute Kinder auf den Weg, das Abitur zu erringen. Hilfsarbeiterkinder werden kleine Angestellte. Mit unglaublicher Zähigkeit kämpfen sie gegen Unverständnis und offene Verachtung, mit dem Ziel, Spießer zu werden. Mit dem fernen Traum eines Reihenhauses am Stadtrand. Keimen aus den Graswurzeln heraus zu beachtlichen Stauden, die Großen Schritte erst ermöglichen und tragen.
Sie nehmen unsere Republik auf ihre Schultern, wir nehmen diese Republik auf unsere Schultern.
Wir werden niemals in die großen Lofts hineinkommen, wir können niemals in die Platte zurückkehren. Das ist keine Frage den Willens. Es ist eine Frage der Akzeptanz. Die mühsame Reise an den Ort, an dem man gehört, zäh festhaltend. Wohl wissend um persönlichen Erfolg. Denn Wegstrecke bemisst sich nicht nach dem Ziel, sie bemisst sich nach dem Beginn der Reise. Anerkennung der eigenen Leistung, mag sie auch noch so bescheiden und unspektakulär, ja zuweilen überflüssig erscheinen. Wie Vorlegebesteck aus Silber.
Auch ich werde mir niemals das Tafelbesteck für zwölf Personen kaufen. Aber ich werde das Vorlegebesteck beim Ikeaservice aufdecken. Mit dem leisen Stolz, ein Kleinbürger geworden zu sein.

Netsegese -Zu Frank Schirrmachers „Payback“

Lieber Herr Schirrmacher,
nun beantspruche auch noch ich Ihre knappe Aufmerksamkeit. Und weil diese so knapp bemessen ist, halte ich mich nicht mit Lob und Tadel auf. Für beides hätte ich reichlich Anlaß.
„Wissenschaftlicher Dokumentar“, „Information Specialist“ oder knapp „InfoPro“ sagt ihnen vielleicht wenig. Nein, Sie brauchen jetzt nicht zu Google greifen und sich durch unsere Lobbyverbände, unsere Ausbildungsstätten und unsere Definitionen zu klicken. Sie bräuchten eigentlich nur ins Archiv gehen. Und sie würden dort auf Menschen treffen, die menschliche Lösungen vieler Probleme sind. Auf mich persönlich übrigens nicht.
„Archivar“ trifft unser Selbstverständnis nur noch ungenügend. Wir sind keine grauen Hutzelmännchen mit dicken Brillen mehr, die ihre Rechercheschätze lediglich nicht mehr papiern präsentieren.
Wir sind die Scouts des Internets, wir bewegen uns mit sicherem Instinkt und Orientierungssinn durch Hypertext und Datenbanken. Wie Brieftauben finden wir stets an den Ausgangspunkt zurück. Wir kennen die Tücken und Lockrufe und wissen einfach, wann wir folgen und was wir ignorieren sollten.
Vielleicht grade weil uns die Nahsicht, die Innensicht der Informatiker fehlt. Vielleicht weil wir durch die stellvertretende Suche nicht in Versuchung geraten, uns selbst im Web zu suchen, sondern ein digitales Rollenspiel spielen. Vielleicht weil wir bereits die Suche von der Seite durchdringen dürfen, die sonst der Suchalgorithmus einnimmt. Wir verrennen wir uns nur selten.
Wir stehen zwischen Mensch und Maschine. Im Bild der Kathedrale wären wir Beichtväter, Fratres unbekannten Namens, bescheidene Vermittler. Unsere Bescheidenheit hindert uns bisher noch allzu oft, unsere besonderen Talente in den Dienst der Menschen zu stellen, ihnen die Schneisen zu zeigen, die wir ihnen geschlagen haben, ihnen Medienpädagogen im Wortsinne zu sein. Zu sagen: „Komm mit, ich zeig Dir den Weg! Diesen Bach kann man so überqueren!“ Wir geben unsere spezielle Begabung zu selten weiter an die Menschen. Es gibt uns oft nur als Verwalter, Verwahrer und Wissenschaftler. Es sollte uns als Lehrer geben.
Wir sind keine Gurus des WWW, wir sind seine bescheidenen Exegeten. Eigentlich sind wir es den Menschen schuldig, die Seelsorger des WWW zu werden. Sie könnten unserer bedürfen.