Archiv für April 2010

Kleinbürgerstolz

In meiner Küche gehe ich einer längst vergangenen Kunst nach. Ich poliere Silber. Ein Vorlegebesteck mit Buttermesser, Aufschnittspießchen, Sahnelöffel. Gegenstände einer Vergangenheit, so weit entfernt wie die Goethezeit, keinesfalls antik, wahrscheinlich nicht wertvoll. Ob es meine Großmutter zur Hochzeit bekam? Oder deren Eltern? Oder ist es vielleicht auf dem langen Weg nach Westen zwischen Wintermänteln und Federbetten mitgeschleppt worden? Niemand mehr, den ich fragen könnte.
Es ist kein ganzes Tafelbesteck, nur ein paar Stücke, die man eigentlich kaum benutzt. Ein Tortenheber, die Zuckerzange vielleicht öfter. Aber wann legt man noch ein Buttermesser auf? Das Besteck ist so lange nicht benutzt, schwarz und grünlich angelaufen, fleckig und in der Schublade. Ich werde Stunden brauchen. Hausfrauenmeditation.
Endlose kleine Blüten und Ranken, in denen sich das Oxid hartnäckig hält. Keine Kraft hilf hier, nur unermüdlich einen Tropfen Silberpolitur auf das Tuch, mit der Fingerspitze fixieren, den Löffelstiel polieren bis das Tuch tiefschwarz ist, eine neue Stelle suchen, einen Tropfen Silberpolitur auf das Tuch geben, mit der Fingerspitze… Meditation.
Langsam kommt die Farbe des Silbers zum Vorschein. Es ist so ganz anders, als Edelstahl, als Cromagan. Ganz anders als man es sich vorstellt als Nachgeborene, die man Silber nur kennt als „Silber metallic“, als „Silberpapier“. Eine warme, edle Farbe kommt zum Vorschein. Weich und wunderschön. Plötzlich begreife ich diese Mühe, den Stolz mit dem dieser kleine Schatz in der Schublade gelegt wurde. Für’s Gute. Kein Tafelbesteck für zwölf Personen, lediglich ein Accessoire. Zu mehr hat es nicht gereicht. Kleinbürgerstolz, denke ich ohne Ironie, ohne Spott. Gestaltgeworden der Wirtschaftswunderwunsch, den Kindern solle es besser gehen. Die Kinder werden das Tafelbesteck zur Hochzeit haben, wenigstens das Kaffeebesteck. Dazu kam es nicht. Silberbesteck ist aus der Mode. Ein Kropf und Angeberei und unpraktisch obendrein.
Die Mittelschicht stirbt nicht aus. Mit nimmermüder Geduld machen sich jeden Tag kleiner Leute Kinder auf den Weg, das Abitur zu erringen. Hilfsarbeiterkinder werden kleine Angestellte. Mit unglaublicher Zähigkeit kämpfen sie gegen Unverständnis und offene Verachtung, mit dem Ziel, Spießer zu werden. Mit dem fernen Traum eines Reihenhauses am Stadtrand. Keimen aus den Graswurzeln heraus zu beachtlichen Stauden, die Großen Schritte erst ermöglichen und tragen.
Sie nehmen unsere Republik auf ihre Schultern, wir nehmen diese Republik auf unsere Schultern.
Wir werden niemals in die großen Lofts hineinkommen, wir können niemals in die Platte zurückkehren. Das ist keine Frage den Willens. Es ist eine Frage der Akzeptanz. Die mühsame Reise an den Ort, an dem man gehört, zäh festhaltend. Wohl wissend um persönlichen Erfolg. Denn Wegstrecke bemisst sich nicht nach dem Ziel, sie bemisst sich nach dem Beginn der Reise. Anerkennung der eigenen Leistung, mag sie auch noch so bescheiden und unspektakulär, ja zuweilen überflüssig erscheinen. Wie Vorlegebesteck aus Silber.
Auch ich werde mir niemals das Tafelbesteck für zwölf Personen kaufen. Aber ich werde das Vorlegebesteck beim Ikeaservice aufdecken. Mit dem leisen Stolz, ein Kleinbürger geworden zu sein.