Archiv für Dezember 2009

Netsegese -Zu Frank Schirrmachers „Payback“

Lieber Herr Schirrmacher,
nun beantspruche auch noch ich Ihre knappe Aufmerksamkeit. Und weil diese so knapp bemessen ist, halte ich mich nicht mit Lob und Tadel auf. Für beides hätte ich reichlich Anlaß.
„Wissenschaftlicher Dokumentar“, „Information Specialist“ oder knapp „InfoPro“ sagt ihnen vielleicht wenig. Nein, Sie brauchen jetzt nicht zu Google greifen und sich durch unsere Lobbyverbände, unsere Ausbildungsstätten und unsere Definitionen zu klicken. Sie bräuchten eigentlich nur ins Archiv gehen. Und sie würden dort auf Menschen treffen, die menschliche Lösungen vieler Probleme sind. Auf mich persönlich übrigens nicht.
„Archivar“ trifft unser Selbstverständnis nur noch ungenügend. Wir sind keine grauen Hutzelmännchen mit dicken Brillen mehr, die ihre Rechercheschätze lediglich nicht mehr papiern präsentieren.
Wir sind die Scouts des Internets, wir bewegen uns mit sicherem Instinkt und Orientierungssinn durch Hypertext und Datenbanken. Wie Brieftauben finden wir stets an den Ausgangspunkt zurück. Wir kennen die Tücken und Lockrufe und wissen einfach, wann wir folgen und was wir ignorieren sollten.
Vielleicht grade weil uns die Nahsicht, die Innensicht der Informatiker fehlt. Vielleicht weil wir durch die stellvertretende Suche nicht in Versuchung geraten, uns selbst im Web zu suchen, sondern ein digitales Rollenspiel spielen. Vielleicht weil wir bereits die Suche von der Seite durchdringen dürfen, die sonst der Suchalgorithmus einnimmt. Wir verrennen wir uns nur selten.
Wir stehen zwischen Mensch und Maschine. Im Bild der Kathedrale wären wir Beichtväter, Fratres unbekannten Namens, bescheidene Vermittler. Unsere Bescheidenheit hindert uns bisher noch allzu oft, unsere besonderen Talente in den Dienst der Menschen zu stellen, ihnen die Schneisen zu zeigen, die wir ihnen geschlagen haben, ihnen Medienpädagogen im Wortsinne zu sein. Zu sagen: „Komm mit, ich zeig Dir den Weg! Diesen Bach kann man so überqueren!“ Wir geben unsere spezielle Begabung zu selten weiter an die Menschen. Es gibt uns oft nur als Verwalter, Verwahrer und Wissenschaftler. Es sollte uns als Lehrer geben.
Wir sind keine Gurus des WWW, wir sind seine bescheidenen Exegeten. Eigentlich sind wir es den Menschen schuldig, die Seelsorger des WWW zu werden. Sie könnten unserer bedürfen.