Archiv für November 2009

Lichtbilder – Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“

„Man tötet immer das, was man liebt“ So heißt es in Fight Club. Und Tarantino, der Film mehr als alles andere liebt und uns seit vielen Jahren an dieser Liebe Teil haben läßt, dieser Fetischist des Kinos, brennt ein Kino nieder, läßt eine Unmenge an Film in Rauch und Flammen aufgehen. Unwiederbringlich.
Darum geht es in Inglorious Basterds. Um Kino, um Film, ums Sehen.
Von Anfang an geht es um den Schein. Hans Landa pocht auf seinen Spitznahmen, den „Judenjäger“, der dem leutseligen fast zarten Mann als Schreckensmaske voranschreitet. Er zerrt die Verborgenen aus dem unsichtbaren doppelten Boden ans Licht. Er hat sie gesehen, die Nichtsichtbaren.
Es geht ums Sehen. Was siehst du, was nicht da ist. Im Spitznamen manifestiert sich, wie wir gesehen werden. Und das nicht als das, was wir sind.
„Bärenjude“, der seine Opfer mit einem Prügel erschlägt, Donnie, der Virtuose des Baseballschlägers. Im Spitznamen verbirgt sich eine andere Figur als die, die seine Kameraden sehen. Wir sehen einen Hühnen aus dem Tunnel treten, der sich gewalttig donnernd ankündigt und ans Licht tritt ein sehniger, kleiner Mann. Der nicht weniger tötlich ist. Wir meinen, wir werden einen Bären sehen, sehen einen Sportler und erleben eine Tat, die Sport-Spott-Mord ist.
Auf der Leinwand sehen wir einen anderen, als wir sind. Frederik sieht sich selbst als Held. Frederik ist ein erfolgreicher Scharfschütze. Auf der Leinwand jedoch kann er es nicht ertragen, sich zu sehen. Da sieht er den Mörder, den Shoshanna in ihm sieht. Shoshanna aber sieht in diesem Moment den sensiblen jungen Mann, den Helden auf der Leinwand. Hierbei ist es völlig belanglos, was die Tatsachen sind. Es geht nicht um Grausamkeit, Greuel und Betroffenheit. Da hätten die Nazislayermovies herkömmlicher Machart völlig ausgereicht, um ein paar Schablonen möglichst blutig hinzurichten. Der prominente Nazi, der dem Kader das Gesicht gibt, ist Goebbels. Derjenige, der das Kino liebt. Nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern auch aus Liebe zum Film. Für die Bilder von Krieg und Gewalt hätten sich andere Namen finden lassen.
Die Bilder der Gewalt und des Todes, die wir sehen, die haben wir alle schon gesehen. In unzähligen Filmen, in Kino und Flimmerkiste, schwarzweiß und technicolor. Und Tarantino stellt sie aus in ihrer Macht, Größe, Schönheit. Ihrem kathartischen Schrecken.
Wie schön die Bilder sind, die Tarantino findet! Jedes dieser Bilder ist Referenz. Eine Verbeugung vor den Meistern des Lichts, den großen Regiseeuren und Kameramännern. Liebende Verehrung. Kein bloßes Picturedropping, sondern Sammlung in der Kathedrale des Lichts vor den Heiligen der Ecclesia Cineastica.
Bilder, die wir kennen und die in dieser Schönheit und Verehrung ungesehen waren.
Es geht um die Doppeltheit des Sehens. Und daß das, was wir sehen und hören, nie das ist, was wir sehen. Bilder und Töne aus Licht werden in wunderbarer Wandlung Welt. Und wenn wir im letzten Akt Shoshanna, die im Hintergrund bereits tote Shoshanna lebendig auf dem Rauch verbrennender Filme sehen, dann sehen wir eine Rachegöttin aus Licht.
Im letzten Akt verdichtet sich das Kinosein und wird sichtbar. Grade im Moment seiner völligen Auflösung.
Ob Tarantino sich so vom Film und seiner Materialität verabschiedet hat, werden wir erst im nächsten Projekt erfahren. Möglich, dass er sich dem immateriellen, digitalen Film mit der gleichen Kunstfertigkeit zuwendet, wie dem Film, der ganz seinem Material und seinem Ort verhaftet war. Das Lichtspielhaus ist aufgegangen in Rauch und Feuer, in Luft und Licht, in Bits und Bytes.

Aphorismus der Woche IV

Das Internet ist der einzige Ort, an den wir von überall her nach Hause kommen können.