Archiv für Oktober 2009

Der Terror ist nackt

Ein Thema beherrscht die öffentliche Diskussion zur Zeit. Man könnte es als Ablenkungsmanöver vom gesamtpolitischen Versagen betrachten oder als Deckung, die das Bundesministerium des Innern hochzieht, um daraus seine nächste Attacke in Richtung Bürgerrechte zu führen. Doch dafür taugt das Thema nicht.
Es geht um die Einschränkung der Freiheitsrechte vieler, vielleicht sogar aller, die im urbanen Raum leben. Das Recht auf die freie Wahl des Aufenthalts im öffentlichen Raum. Waren früher nur junge Frauen angehalten, den dunklen Stadtpark zu meiden, so weitet sich diese – durchaus begründete – Vorsicht, auf alle Menschen aus. Alte Damen, gestandene Männer, junge Leute, sie alle fürchten sich inmitten der Stadt, in der sie leben. Mit den Adern städtischen Lebens ist die Angst in alle Stadtteile gereist.
Und da ist es kein Trost, dass sich um einige wenige Täter handelt. Es spielt keine Rolle, dass auf den meisten Fahrten mit der S-Bahn nichts passiert. Denn was den einzelnen erwartet, ist so drastisch, dass es das Innerste ergreift. Es ist Terror. Eine Minderheit der Bevölkerung hat es geschafft, uns in Angst uns Schrecken zu versetzen. Augenscheinlich haben wir keine Möglichkeit auszuweichen. Es gibt keine Möglichkeit, sich deeskalierend zu verhalten. Und auch der Mut, das Mitleid, die Hilfsbereitschaft, Fäden und Pfeiler unserer Zivilisation weichen hinter die Angst um die eigene Unversehrtheit zurück. Seht mich an, aus welch verborgenen Raum ich es nur wage, das Wort zu erheben!
Der Terror ist nackt. Er bedarf keiner Ideologie mehr. So frappant die Attacken an die marodierenden Straßenkämpfer der „Weimarer Republik“ erinnern mögen, sie bedürfen nicht länger Farben. Der Terror entblößt etwas vorzivilisatorisch-tierhaftes im Menschen. Wir sehen Menschen, denen nichts Kultürliches mehr anhaftet. Wilder als Wölfe.
Sind es noch Menschen? Ist ein Mensch, an dem niemals das Gerank der Zivilisation gewachsen ist, ein Mensch? Zweifelsohne der Spezies zugehörig, aber in ihrem Verhalten so fremd, so unverstehbar. Eine Naturgewalt.
Wir haben Flüsse gezähmt, Berge versetzt und nun trifft uns aus unserer Mitte heraus ein Erdbeben. Ein Sturm tobt und treibt uns in unsere Häuser, hinter unsere Mauern. Hinaus aus dem Raum, den die Zivilisation uns erschlossen hat. Die Stadt ist uns zum dunklen Wald geworden, in dessen Schatten der Böse Wolf lauert.