Archiv für Mai 2009

Ohne Zorn und Eifer

Der Vorwurf mangelnden Engagements, mangelnden Eifers. Nun also auch die F.A.Z. „Dreißigjährige ohne Visionen“ schrieb Florentine Fritzen am 14.04.2009. Doch dieser Vorwurf verfängt ebensowenig wie der Vorwurf mangelnden Zorns, den Jens Jessen in der ZEIT äußerte (Jugend-ohne-Charakter).
Auch wenn sich meine Generation nicht laut skandierend auf der Straße zusammenrottet, bedeutet es nicht, dass wir nichts zu sagen haben. Nur weil etwas nicht öffentlich geschieht, bedeutet das nicht, es findet nicht statt. Das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit ist kein statisches. Das belanglose Private füllt den öffentlichen Raum des Internets. Fern ab institutioneller Öffentlichkeit, jenseits der Agora findet Meinung statt. Dort findet auch das Wesentliche statt.
Unspektakulär tun wir das Naheliegende. Das Nächste dem Nächsten. Konkrete Menschen, die wir kennen, Freunde und Familie. Wer alles will, muss verzichten können. Sich beschränken angesichts der Begrenztheit des eigenen kleinen Lebens inmitten der ganzen Welt. Maze, Truiwe, Staete. Tausend Jahre alte Leitlinien, die zu neuen werden.
So gesehen bleibt gar nichts vom Bild trübe blickender angepasster Leistungsrinder, das die nun in die Jahre gekommenen Revoluzzer von ihren Kindern malen. In der Realität haben sie sich befreit, mühsam emanzipiert von den Visionen ihrer Väter, so wie diese die Visionen ihrer Väter abgestreift haben. Nur dass diese es in lautstarkem Protest taten. Und jene die alten nicht durch neue Götzenbilder ersetzt haben.
Es ist ja nicht so, dass uns die Ideen und Ideale ausgegangen wären. Ideen sind die Sterne am Himmel, nach denen wir unseren Kurs ausrichten. Doch jeder Stern, der vom Himmel herab auf die Erde, in die gesellschaftliche Realität herabgezwungen worden ist, ist noch am selben gescheitert. Auf der Erde ist noch jedes Ideal zur Ideologie geronnen. Nicht, weil die Menschen dumm und unfähig sind, sondern weil wir zu unterschiedlich sind, um alle demselben Stern nachlaufen zu können. Es sind ja ihrer so viele, wer will sagen: Dieser ist der rechte.
Vielleicht ist mit dem Kapitalismus, dem zur Ideologie geronnenen Fleiß, nun endlich die letzte ihrer Art an ein Ende gekommen. Legen wir sie getrost ad acta zu den anderen.
Ob es wirklich der Beginn einer neuen Epoche ist, diese Entscheidung muss ich den Nachgeborenen überlassen. Aber es kann hier und jetzt ein neues Zeitalter beginnen. Es besteht die einmalige Chance, Ideale nicht in Ideologien zu verwandeln. Nach dem Ende der Moderne ist es Zeit, die Sterne am Himmel zu lassen.

Aphorismus der Woche III

Guter Geschmack ist die Avantgarde vom letzten Jahr.