Coverversion

Das Original in der Musik ist eine vergleichsweise neue Idee. Man kennt die Uraufführung, man kann eine bestimmte Aufführung meinen, das musikalische Werk als solches jedoch ist eigentlich an seine zeitliche Endlichkeit gebunden. Die Aufführung als solche kann als unwiederholbar gelten und das Original als erhaltbares Kunstwerk erst als technisch reproduzierbare Konserve begrifflich auf eine ganz bestimmt Aufführung angewendet werden. Wenn man es überhaupt mit dem Original als Fetisch der Moderne, der Ideologie der Originalität so genau noch nehmen möchte.
Der Zauber der Coverversion liegt in den kleinen Unterschieden. Ich habe nichts gegen Coverversionen. Mitunter können sie schöner als die erste Version sein, in jedem Fall bilden sie immer eine andere Lesart, markieren die Relevanz des Kunstwerks in einem neuen konkreten Kontext. Dieser kann temporär, kulturell oder geographisch markiert sein. In jedem Fall gewinnt das Kunstwerk eine neue Bedeutung dazu auf seinem Weg durch die Geister. Sie ist eine neue gültige Aufführung, zu anderer Zeit am anderen Ort von anderen Menschen.
Vielleicht kann ich der Coverversion auch deshalb ihre eigene Achtbarkeit zuerkennen, weil auch Biographien zunehmend einer solchen gleichkommen. Wenn ich die Interpretation von Liedern Sinatras oder Knefs durch Robbie Williams oder Heike Makatsch lausche, überkommt mich das Wissen, dass meine Oma im gleichen Alter den gleichen Liedern gelauscht hat. In den Aufführungen ihrer eigenen Zeitgenossen.
Die Lebensbedingungen sind eine hinreichend lange Zeit gleich geblieben, so dass Lebensläufe sich wiederholen können. Vom Terror der Originalität befreit entfalten sich Biographien, deren Eigentümlichkeit in der minimalen entscheidenden Variation liegt. Und selbst das radikal andere zeigt sich in hinreichendem Abstand als Analogie bereits stattgefundenem.
Ich käme nie auf die Idee, eine minderwertige Nachahmung vergangenen Lebens zu leben. Unsere Lebensläufe sind durchzogen von Unterschieden. Meine Coverversion lebt von den kleinen Unterschieden, den Variationen in Zeit und Diskurs, die sie prägen.