Archiv für April 2009

Meiner geliebten Literaturwissenschaft

Die Literaturwissenschaft sollte vielleicht weniger sich die Literatur zum Gegenstand nehmen. Denn was ist Literatur anderes, als die abstrakte Form von Menschheit, vielleicht sogar von Welt. Zu Erzählung geronnene Kultur.
Die Schwäche der aktuellen Literaturwissenschaft offenbart sich darin, dass sie zur bloßen Abbildung, zum getreuen Chronisten ihres Gegenstands geworden ist. Die Deutungshoheit über ihn überlässt sie allzu willfährig der Literaturkritik. Unter deren gleichzeitiger Verachtung. Spricht daraus Neid? Neid darauf, dass auch das vergangene Jahr der Geisteswissenschaften (übrigens gefolgt von der Königin der Artes Libertates: Der Mathematik) sie nicht aus dem Schatten, in den sie sich verkrochen hat, herausgeholt hat. Es werden keine großen Thesen vertreten, es werden Diskurse abgebildet. Thesen bergen die Gefahr, widerlegbar, ungültig oder gar absurd zu sein. Aber das ist doch die genuine Feder von Wissenschaft, jeder Wissenschaft. Fragen zu beantworten, die die Welt nicht stellt. So oft wurden es Fragen, die die Welt lediglich noch nicht gestellt hat.
Dabei haben die Philologen der Welt einen Beitrag zu leisten. Literatur ist konzentrierte Gesellschaft, in ihr lassen sich wie im Laboratorium, Dinge beobachten, Zusammenhänge erkennen, die im Rauschen der Realität untergehen würden.
Literarische Figuren sind die Karikatur, die Abstraktion von Menschen. In ihnen schlummert die Erkenntnis zu uns selbst, sie sind ein Beitrag zum Erkennen des Menschen. Es geht weniger darum, in Konkurrenz zu treten mit der Neurologie, der Ökonomie, der Politik- und Gesellschaftswissenschaft. Es geht darum, seinen Teil zum Erkennen der Welt beizutragen. Die Erzähltheorie ist so hoch abstrakt wie die Genetik, wie die Mathematik. Sie ist an Klarheit kaum zu überbieten und doch so schwer zu vermitteln.
Wir Magister haben verlernt, uns verständlich zu machen. In der Verachtung des Dilettanten haben wir uns darauf verstiegen, brillante Gedanken völlig unverständlich auszudrücken. Warum eigentlich? Es ist so schade, dass hochkluge Erkenntnisse zu unlesbarem Mist verderben. Dabei wäre es ja noch nicht einmal nötig, dass ein brillanter Philologe ein brillanter Autor wäre, wenn er nur die Hilfe eines Lektors in Anspruch nähme. Doch solange die Werke vom Wissenschaftler ohne jede Redaktion direkt in den Druck gehen, wird weiter unlesebare Erkenntnis für den kleinen Kreis der Eingeweihten produziert.
Ich verfalle in Trauer im Angesicht dessen, was möglich wäre und was tatsächlich ist.
Literaturwissenschaft, Du könntest wirklich die Erkenntnis über uns Menschen, die in die Werke der Literatur geflossen ist, den Menschen in konzentrierter Form wiedergeben. Ein Spiegel mehr im Kabinett der Wissenschaften.

Aphorismus der Woche II

Im Liegen wird nichts besser.

Aphorismus der Woche

Der Apfel ist der Syltaufkleber unserer Dekade.

Coverversion

Das Original in der Musik ist eine vergleichsweise neue Idee. Man kennt die Uraufführung, man kann eine bestimmte Aufführung meinen, das musikalische Werk als solches jedoch ist eigentlich an seine zeitliche Endlichkeit gebunden. Die Aufführung als solche kann als unwiederholbar gelten und das Original als erhaltbares Kunstwerk erst als technisch reproduzierbare Konserve begrifflich auf eine ganz bestimmt Aufführung angewendet werden. Wenn man es überhaupt mit dem Original als Fetisch der Moderne, der Ideologie der Originalität so genau noch nehmen möchte.
Der Zauber der Coverversion liegt in den kleinen Unterschieden. Ich habe nichts gegen Coverversionen. Mitunter können sie schöner als die erste Version sein, in jedem Fall bilden sie immer eine andere Lesart, markieren die Relevanz des Kunstwerks in einem neuen konkreten Kontext. Dieser kann temporär, kulturell oder geographisch markiert sein. In jedem Fall gewinnt das Kunstwerk eine neue Bedeutung dazu auf seinem Weg durch die Geister. Sie ist eine neue gültige Aufführung, zu anderer Zeit am anderen Ort von anderen Menschen.
Vielleicht kann ich der Coverversion auch deshalb ihre eigene Achtbarkeit zuerkennen, weil auch Biographien zunehmend einer solchen gleichkommen. Wenn ich die Interpretation von Liedern Sinatras oder Knefs durch Robbie Williams oder Heike Makatsch lausche, überkommt mich das Wissen, dass meine Oma im gleichen Alter den gleichen Liedern gelauscht hat. In den Aufführungen ihrer eigenen Zeitgenossen.
Die Lebensbedingungen sind eine hinreichend lange Zeit gleich geblieben, so dass Lebensläufe sich wiederholen können. Vom Terror der Originalität befreit entfalten sich Biographien, deren Eigentümlichkeit in der minimalen entscheidenden Variation liegt. Und selbst das radikal andere zeigt sich in hinreichendem Abstand als Analogie bereits stattgefundenem.
Ich käme nie auf die Idee, eine minderwertige Nachahmung vergangenen Lebens zu leben. Unsere Lebensläufe sind durchzogen von Unterschieden. Meine Coverversion lebt von den kleinen Unterschieden, den Variationen in Zeit und Diskurs, die sie prägen.